Ein Leben unter Dauerstrom

Er ist „Sir Vival“, der König aller Überlebenskünstler: seit den 50er Jahren stürzte sich Rüdiger Nehberg in jedes Abenteuer. Durchquerte (und überlebte) Wüsten, Ozeane, Dschungel. Mit 81 Jahren muss der gebürtige Bielefelder niemanden mehr etwas beweisen. Ganz zur Ruhe kommt er dennoch nicht: er kämpft als Menschenrechtler weiter – seine Menschenrechtsorganisation TARGET setzt sich weltweit gegen die Genitalverstümmelung von Frauen ein. Den Kampf gegen diesen grausigen Brauch zu gewinnen ist sein letzter Lebenstraum.

Rüdiger Nehberg

1935 in Bielefeld geboren, musste Rüdiger Nehberg mit seiner Familie Ostwestfalen verlassen. Der Vater, ein Bankrevisor, wurde nach der Eroberung Polens nach Danzig versetzt. 1945 flohen die Nehbergs nach Dänemark und kehrten 1947 nach Bielefeld zurück. 1951 begann Rüdiger Nehberg in Münster eine Bäckerlehre. 1965 arbeitete er dann als selbstständiger Konditor in Hamburg. Seine Konditorei mit bis zu 50 Mitarbeitern führte er 25 Jahre. Der 81-Jährige ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, #Autor von mehr als 30 Büchern und Filmer.

Herr Nehberg – wenn Menschen von Fernweh sprechen, denken viele an eine Woche Strandurlaub in Südeuropa. Ihr Fernweh scheint eher von einem unbändigen Entdeckerdrang geprägt zu sein. Wie kommt`s?
Rüdiger Nehberg: Ich lernte schon 1935 den betörenden Vanilleduft von Dr. Oetker kennen, wenn der Wind ihn zum Schildhof trieb. Dort wohnten wir vorm Krieg. Haus Nr. 31. Mein Vater: „Vielleicht lernst du die Länder einmal kennen, wo diese Aromen wachsen.“ Oetker ist der Verursacher meiner Neugier auf die Welt.

Ihre Lust auf Abenteuer haben Sie auf jeden Fall früh gespürt – wir hörten da von einer Tour durch Bielefeld ...
Meine erste größere Wanderung unternahm ich mit vier Jahren und ohne Wissen meiner Mutter zu meiner Großmutter. Sie beherrschte die Kunst, auf ihrem Boden auf langen Schnüren Trockenäpfel zu zaubern. Unwiderstehlicher Grund, sie zu besuchen. In Höhe des Ratsgymnasiums muss ich mich verlaufen haben. Ich kroch in einen Rhododendronbusch und schlief ein. Meine Eltern in Totalpanik. Am nächsten Morgen fanden mich Passanten und brachten mich zur Polizei. Ich selbst erinnere mich nur vage an den Ausflug, aber meine Mutter verstand es, die Story immer wieder neu aufzubereiten. Wie aufgewärmtes Essen.

»Ich hätte den Wolf am liebsten befreit und wäre mit ihm in Oetkers verlockende Vanille­länder gewandert.«

Hatten Sie jemanden, mit dem Sie dieses Verlangen nach totaler Freiheit teilen konnten?
Ich hatte einen Freund. Das war der einsame Wolf in dem kleinen Drahtverhau in #Olderdissen. Er lief auf seinen vier Metern immer hin und her, hin und her. Von morgens bis abends. Die Gebrüder Grimm hatten mir den Wolf als böse und gefährlich beschrieben. Hier erlebte ich einen ganz anderen Wolf. Seit ich ihm mein Leberwurstbrot gegeben hatte, waren wir Freunde. Oft stapfte ich alleine vom Schildhof zum Wolf. Immer mit einem Leberwurstbrot. Nicht nur aus Tierliebe, sondern auch weil ich Leberwurst nicht mochte. Ich hätte den Wolf am liebsten befreit und wäre mit ihm in Oetkers verlockende Vanilleländer gewandert. Inzwischen ist das Wolfsgehege angemessen groß.

»Oetker ist der Verursacher meiner Neugier auf die Welt.«

Sie haben sich von Pythons probewürgen lassen, Dschungel nur mit einer Badehose durchquert, Ureinwohner gerettet – inwieweit hat Sie Bielefeld darauf vorbereitet, sich aufs Überleben zu spezialisieren?
Ich bin mir sicher, dass mir in Bielefeld ein prägendes Wesensmerkmal implantiert wurde: der westfälische Dickkopf. Er hat mich immer wieder zum Durchhalten gezwungen und dadurch letzten Endes viele Erfolge mitverschuldet.

Was würden Sie Menschen denn empfehlen, die in oder um Bielefeld ein Abenteuer erleben wollen?
Eine Wanderung durch #TeutoburgerWald. Wem das zu seniorenhaft ist, der macht`s bei Nacht und Regen und nur in der Badehose. Sollte jemand dabei Schüttelfrost empfinden, weiß er schon mal, wie sich Malaria anfühlt.

Sie haben viel gesehen, kennen die entlegensten Ecken dieser Welt. Wie entlegen oder attraktiv empfinden Sie denn Bielefeld im Vergleich zu anderen Orten?
Das muss man einen Fremden fragen. Als Eingeborener findet man seine Heimat immer schön, wie jede Mutter jedes ihrer Kinder als einmalig schön empfindet. Oder Inuits ihre Heimat in einer Landschaft ohne Bäume und mit Schnee statt Gras.

Mittlerweile leben Sie mit Ihrer Frau in einer Mühle auf dem platten Land in Schleswig-Holstein. Welche Parallelen sehen Sie zu Ostwestfalen?
Ähnlich sind die Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit. Auch die friesischen und westfälischen Sturköppe. Oder die knackigen Morgenbrötchen. Krass unterschiedlich ist der Weitblick, weil bei uns keine lästigen Berge wie der Teutoburger Wald die Fernsicht zur Ost- und Nordsee versperren.

Sie sind gelernter Konditor (und erfolgreicher Unternehmer) – wie groß war der Spagat zwischen „heute Torten backen, morgen meine Survival-Sachen packen“?
Die Leben zwischen Torten und Torturen, Marzipan und Moskito, Heim- und Fernweh, Erholung und Bedrohung sind wie eine Symbiose, die mein Wesen ausmachen und zu meinem Adrenalinquell wurden. Ich stehe unter Dauerstrom. Weder Müßiggang noch Langeweile oder die Vokabel Rentner haben darin Platz.

Wie sähe ein Ranking Ihrer größten Abenteuer aus?
Fast alles war zu seiner Zeit „das Größte“, wenn ich es noch nie gemacht hatte. Müsste ich es heute noch einmal wiederholen, empfände ich es als reizlos, weil es eine Wiederholung wäre. Schlaftablette Routine. Es war für mich stets reizvoll, die denkbaren Schwierigkeiten eines jeden Vorhabens vorher bestmöglich zu analysieren und sie mit Trainings oder geistigen Vorbereitungen unter Kontrolle zu bringen. Survivalisten-Schach.

Auf Ihren Reisen haben Sie auch mal Ungewöhnliches gegessen – denken Sie, dass gebratene Blindschleiche die Gastronomie Bielefelds bereichern würde?
Nein, es gibt Leckereres. Heuschrecken und Mehlwürmer zum Beispiel. Vierzig Jahre war ich verrufen in Deutschland als "Würmerfresser der Nation". Damit musste ich leben. Bis ich vor zwei Jahren von der Weltgesundheitsbehörde voll rehabilitiert wurde! Sie hat höchstmenschenamtlich 2.000 Insekten zur empfehlenswerten Nahrung der Zukunft erklärt. Welch ein Durchbruch! Spontan habe ich das mit einem Survivor-Sekt gewürdigt: Teichwasser mit lebenden Wasserflöhen und Mückenlarven! Prickelt total.

Wer erlebt das perfektere Abenteuer: der mutige, tollkühne und leichtsinnige oder der überlegte und organisierte Abenteurer?
Mut ist eine wichtige Voraussetzung für jedes große Abenteuer. Ihn muss auch der überlegende Organisierer haben. Wenn Mut sich jedoch auf bloße Tollkühnheit reduziert, wird man schnell zum Selbstmordkandidaten. Tollkühnheit ist nur dann entscheidend fürs Überleben, wenn man bei Bedrohung keine Alternative mehr hat. Der Leichtsinnige sollte lieber täglich sein Testament auf den neusten Stand bringen. Der Organisierte wird unnötige Risiken durch Vorbereitungen minimieren, aber den Restrisiken eine Chance lassen. Auch ich habe mich nie zugeplant. Fairerweise habe ich dem Restrisiko immer eine Chance gelassen. Erst das macht aus einem Spaziergang ein Abenteuer. Das unplanbarste wirkliche Risiko bleibt der Mensch. Tiere und die Naturgewalten hingegen sind berechenbar.

25 Überfälle überstanden, in der Gewalt von aufständischen Rebellen gewesen, Sie aßen Heuschrecken, eitrige Kaninchen, Wanderratten, um auf Ihren Trips zu überleben – Sie haben jeder Gefahr getrotzt.



»Rein rechnerisch ist es der größte ‚Bürgerkrieg‘ der Menschheit: die Gesellschaft gegen die Frauen, seit 5.000 Jahren, 8.000 Opfern täglich und vielen Toten.«

Sie konzentrieren sich heute voll auf Ihre Aufgabe als Menschenrechtler – eine weitere Facette, die vor mehr als 35 Jahren ihren Ursprung hatte ...
1980 habe ich von brasilianischen Menschenrechtlern erfahren, dass dort im Regenwald ein Bürgerkrieg ablief, den Brasilien offiziell kleinredete. Pfeile gegen Feuerwaffen. 65.000 Goldsucher gegen eine Handvoll Yanomami-Indianer. Sie standen vor ihrer Ausrottung. Ich wollte mir einen eigenen Eindruck verschaffen und fuhr zu ihnen. Ein Fischerboot brachte mich so weit es ging die Nebenflüsse des Rio Negro hoch. Dann folgte eine Woche Fußmarsch. Nur mit Minigepäck, einer Mundharmonika und einem einzigen Satz in ihrer Sprache: „Nicht schießen, ich bin ein Freund.“

Ein prägender Moment ...
Die Begegnung mit diesem allerletzten noch existierenden Urvolk des Kontinents  war es, die mein Leben komplett verändert hat. Als Augenzeuge der Vernichtung wandelte ich mich ungeplant vom Abenteurer zum Aktivisten für Menschenrechte. Es entstanden TV-Filme, Bücher und medienwirksame Aktionen wie die Atlantiküberquerungen oder Konsultationen des Papstes und der Weltbank. Im Jahre 2000 war die internationale Lobby für die Yanomami ausreichend groß und sie erhielten einen akzeptablen Frieden.

Seit 2000 setzen Sie sich gemeinsam mit Ihrer Frau Annette für ein Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung ein. Ein Thema, das Sie mehr umtreibt als jede Survival-Reise?
Ja. Denn die Tragödie der weiblichen Genitalverstümmelung sprengt alle meine vorherigen Erfahrungen. Wir sind Augenzeugen des Dramas geworden. Rein rechnerisch ist es der größte „Bürgerkrieg“ der Menschheit: die Gesellschaft gegen die Frauen, seit 5.000 Jahren, 8.000 Opfern täglich und vielen Toten. Die Überlebenden sind ihrer Würde und Seele beraubt und können sich nicht von selbst aus der Situation befreien, weil das die Gesellschaftsstruktur nicht zulässt. Es bedarf der Hilfe von außen, der Gespräche auf Augenhöhe unter Freunden und ohne die übliche westliche oder christliche Überheblichkeit.

Sie gründeten dafür Ihre Menschenrechtsorganisation TARGET. Mit welchem Ziel?
Nachdem wir recherchiert hatten, dass 80 Prozent der Opfer Muslimas sind (die übrigen sind Christen und Andersgläubige) und die Tradition oft und falsch mit dem Koran (und der Bibel) gerechtfertigt wird, stand unsere Strategie fest, es mit der Ethik des Islam zu versuchen. Und zwar ausschließlich mit dem Islam und ausschließlich gegen weibliche Genitalverstümmelung. Wir wollten die höchsten Geistlichen davon überzeugen, den Brauch als Verbrechen einzustufen und zur Sünde zu erklären. Als deutsche Organisationen, die angeblich für Frauenrechte kämpfen, unsere Idee als absurd einstuften, haben wir unsere eigene Organisation gegründet: TARGET, die beste Idee unseres Lebens.

Wie können Interessierte Ihre Organisation unterstützen?
Mit nur 15 Euro jährlich, gern auch mehr, kann man bei uns Förderer werden. Dies ermöglicht es schon Jugendlichen, indirekt mitzuwirken. Es gibt Schüler, die gewaltige Aktionen an ihren Schulen durchführen. Beispielsweise Sponsorenläufe und Flohmärkte. Weitere Anregungen zum Mitmachen findet man auf der TARGET-Website.

Haben Sie noch Träume/Ziele, die Sie diesbezüglich unbedingt erreichen wollen?
Meine ultimative und finale Vision ist, in Zusammenarbeit mit den saudi-arabischen Entscheidungsträgern die Botschaft von der Unvereinbarkeit weiblicher Genitalverstümmelung mit den Werten der Religion als „Fatwa des Jahres“ in Mekka zur Pilgerzeit zu verkünden.



Nehbergs Nervenkitzel-Reisen

1970 > „Die tragischste Reise war die zum Blauen Nil (Äthiopien). Bei einem Überfall wurde mein Freund Michael aus zwei Metern Entfernung erschossen. Wir zwei Überlebenden hatten zunächst das Glück, nicht getroffen worden zu sein. Doch dann bewährten sich unsere Vorbereitungen. Noch bevor die etwa zwölf Angreifer nachladen konnten (sie hatten damals noch Repetiergewehre), konnten wir uns zur Wehr setzen. Unter unseren Hemden verborgen trugen wir Tag und Nacht einen Überlebensgürtel. Dazu gehörte ein Revolver. Schon beim ersten Schuss flohen die Angreifer in einen nahe gelegenen Wald und verschanzten sich. Mein Freund Andor und ich nutzten die Verwirrung und flohen unter Zurücklassung der Ausrüstung über den Fluss. Die Flucht dauerte fünf Tage.“

1981 > „Tausend Kilometer durch Deutschland ohne Ausrüstung und Nahrung von Hamburg nach Oberstdorf. Ich lebte von meiner Fettsubstanz und später auch vom Abbau der Muskulatur und des Verstandes. Ich verlor in der Zeit 25 Pfund Lebendgewicht. Damals war ich 46 und sah aus wie 246.“

1987, 1992, 2000 > „Auch meine drei Atlantiküberquerungen von Westafrika nach Brasilien waren eine besondere Herausforderung. Zum einen wegen der scheinbar ungeeigneten Fahrzeuge Tretboot, Bambusfloß und massiver Baumstamm (alle Fahrzeuge waren selbstgebaut, unzerstörbar, unsinkbar, idiotensicher. Sie haben`s überlebt und stehen jetzt als Nachruf im Technikmuseum zu Speyer). Zum andern wegen meiner Angst vor Wasser, ständiger Seekrankheit und fehlender Erfahrung mit Seenavigation. Die Angst vorm Wasser haben mir die Marinepiloten bei Cuxhaven und die Kampfschwimmer in Eckernförde abtrainiert. Die Seekrankheit musste sich der Chemie geschlagen geben, und Navigation hat mich ein pensionierter Kapitän gelehrt. Damals noch mit dem Sextanten und nicht mit GPS.“

2003 > „Aufregend war es auch, als mich ein Hubschrauber im Dschungel Nordbrasiliens ausgesetzt hat und ich allein versucht habe, zurückzufinden in die „Zivilisation“. Das Besondere an der Herausforderung: Ich hatte keine Ausrüstung dabei. Nur Hose, T-Shirt, Sandalen. Ich wollte mich wie jeder Yanomami-Indianer oder jedes Tier zurechtfinden. Nur mit meinem Survival-Wissen. Das hat drei Wochen gedauert.“

#TeutoburgerWald
Gestern noch ein Schlachtfeld, heute beliebtes Wandergebiet: Der Teutoburger Wald bietet eine breite Palette an Kulturund Naturerlebnissen. Einige bekannte Ziele sind das UNESCO-Welterbe Corvey oder das Kaiser-Wilhelm-Denkmal.
www.teutoburgerwald.de

#TARGET-Website
Spendet für die gute Sache:
target-human-rights.de

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13. Februar 2016
Alberto Alonso Malo

RubrikLeute, Leute
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